¦ STIPENIUM 2000

Simone Klein

Entwicklung Logotherapeutischer Coping-Strategien
für traumatisierte Opfer menschliecher Gewalt

Magisterarbeit, Universität Heidelberg  [Approbiert März 2002]
 
Einleitung

Die Menschheitsgeschichte gibt seit jeher Zeugnis von den Sonnen- und Schattenseiten des Lebens. In Märchen, Mythen, Erzählungen, Heldenepen, Sagen, religiösen Gleichnissen, philosophischen Weltfragen, Romanen, Bühnendramen und auch in Kinofilmen geht es immer um die eine große Frage des Menschen: "Wie gehe ich mit meinem Schicksal um, dass ich möglichst unbeschadet von der momentanen Schattenseite des Lebens wieder zur Sonnenseite gelange?"

Die kleinen Problemlagen und Schicksalsschläge werden sowohl von den Helden und Hauptakteuren, als auch von den Menschen im realen Alltagsleben, nach einer Besinnungsphase gut bewältigt.

Die großen Herausforderungen und Schicksalsschläge sind hingegen nicht so einfach zu bewältigen. Sie stellen sowohl die Helden, als auch die gewöhnlichen Menschen, vor komplexe und schwerwiegende Besinnungsphasen zur Lösungsfindung.

Aus den Jahrtausende alten Geschichten der Menschheit geht hervor, dass der Held, der Hauptdarsteller, entweder sein Schicksal meistert, oder daran zerbricht.

Diese menschheitsgeschichtliche Dialektik trägt jeder Überlebende eines traumatischen Geschehnisses in sich selbst aus. Wenn ein Mensch durch ein Trauma verlor, was er liebte und vergaß, was er davor erlebte, dann ist er hin- und hergerissen zwischen Aufgeben und Hinnehmen seines Schicksals, seines Lebens. Dieser persönlichste und innigste Kampf eines Überlebenden macht die Außenstehenden betroffen und ohnmächtig. Hier helfen keine Medikamente, keine gut durchdachten Ratschläge, keine vielmals evaluierten Therapiemethoden und kein Zauberstab: letztendlich liegt es ganz allein an der Entscheidung dieses Menschen, ob er trotzdem ja zum Leben sagen kann - oder nicht.

Der Entscheidungsfindung des Überlebenden geht ein Besinnungsprozeß voraus. Ein persönlich gezeichneter, kurzer oder langer, oder lebenslanger Weg zur Antwortfindung. Seine Entscheidung trifft der Mensch in der absoluten Einsamkeit und Zwiesprache mit sich selbst, aber auf dem Weg dorthin begegnet er anderen Menschen. Durch die zwischenmenschliche Begegnung, die immer eine Interaktion in der Du-Zugewandtheit ist, haben andere Menschen teil an seiner Besinnung, begleiten ihn auf dem Weg der Entscheidungsfindung. Begleitung kann einfach geschehen, ohne dass sie bewusst intendiert wurde. Pädagogik intendiert die Begleitung, dass sie bewusst geschehen kann.

Aus sich selbst heraus, aus der wissenschaftlichen Reflexion allein, kann die Pädagogik nicht die menschheitsgeschichtliche Dialektik des individuellen Schicksals eines Traumaüberlebenden bewältigen. Um diese Menschen aber dennoch sinnvoll zu begleiten, kann sie zurückgreifen auf die Besinnung und Entscheidungswege derjenigen Helden und Menschen des Alltags, die ihre Entscheidung bereits trafen.

Ein solcher Mensch und Held zugleich ist Viktor Frankl. Sein Trauma, und das der geliebten Menschen, die er verlor, war das Konzentrationslager. Seine lebenslängliche Besinnung zeigt sich in der Begründung einer sinnzentrierten Psychotherapie, der Logotherapie, die er trotz des Traumas nicht verwarf. Sein Entscheidungsweg, "trotzdem ja zum Leben zu sagen", ist in all seinen Büchern und Vorträgen beschrieben und bewahrt.

Frankls Lebensweg und Lebenswerk kann eine Bereicherung für die Pädagogik sein auf der Suche nach Begleitung für traumatisierte Menschen. Pädagogen, die Begleiter der traumatisierten Menschen auf ihrem Weg zur Entscheidungsfindung, finden in der Logotherapie den zentralen Scheidepunkt des Entscheidungsweges: ob ein Mensch sein Leben aufgibt, oder sein Schicksal hinnimmt; ob er sein Schicksal meistert, oder daran zerbricht. Diese Entscheidung des Menschen liegt nach Frankl in der Betrachtungsweise des Menschen über sein Schicksal: "Denn wer sein Leben für besiegelt hält, ist außerstande, es zu besiegen."

Diese Betrachtungsweise impliziert auch schon, dass ein Mensch sein Schicksal besiegen kann, wie Frankl selbst es vorlebte. Der Mensch kann über seinem Schicksal stehen und es bewältigen, wenn er seine ureigenste Entscheidung dafür trifft.

Wenn die Pädagogik traumatisierte Menschen auf ihrem Entscheidungs- und Bewältigungsweg begleitet, kann sie auch als Bewältigungs-Pädagogik bezeichnet werden. In Kapitel III lege ich deshalb die dringende Forderung und die inhaltlichen Ansprüche an eine Bewältigungs-Pädagogik dar. Ein grundlegendes Wissen über Psychotraumatologie intensiviert zuvor das Verständnis für traumatisierte Menschen; Kapitel II. In Kapitel IV erläutere ich den unwillkürlich, unreflektiert ablaufenden Bewältigungsprozess (engl. Coping) des Traumatisierten. Kapitel V stellt die logotherapeutischen Coping-Strategien dar, den Beitrag einer sinnorientierten Bewältigungs-Pädagogik zur Begleitung von Überlebenden eines Traumas.
 
INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG 1
II. KLINISCHE PSYCHOTRAUMATOLOGIE 4
III. Bewältigungs-Pädagogik: Handlungsaufruf an die Pädagogik zur Interdisziplinarität 38
IV. Logotherapie und Coping 48
V. Logotherapeutische Coping-Strategien oder die sinnorienierte Bewältigungspädagogik 60
VI. SCHLUSS 134
--
Fenster schliessen