The international Journal of
  Logotherapy and Existential Analysis
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Volume 1, Number 1 (Spring 1993)

Elisabeth Lukas | Logotherapeutische Ausbildung und Selbsterfahrung - ein Gegensatz? [Logotherapeutic Training and Self-Experience - a Contradiction?]

Eugenio Fizzotti | Der Selbstmord: zwischen existentiellem Vakuum und Sinnsuche [Suicide: Between Existential Vacuum and Search for Meaning]

Karl Dienelt | Die geistige Bewältigung der Vereinigungsproblematik in Deutschland [The German Reunification as a Spiritual Problem]

Dmitry Leontiev | Existenzanalyse der Sinnkrise in Rußland und theoretische Überlegungen über den Sinn des Lebens [Existential Analysis of the Meaning Crisis in Russia and Theoretical Considerations on the Meaning of Life]

Javier Estrada H. | Crisis de Identidad y Logoterapia [Identity Crisis and Logotherapy]

Joan-Carles Mèlich | Erziehung und Sinn. Zur pädagogischen Anthropologie bei Viktor Frankl [Education and Meaning. On Viktor Frankl's Pedagogical Anthropology]

Hans Stoffels | Terrorlandschaften der Seele. Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie bei Verfolgten [Terror Landscapes of the Soul. Chances and Limits of a Psychotherapy of the Persecuted]

Patricia L. Starck | Logotherapy: Application to Nursing [Logotherapie: Anwendung in der Krankenpflege]

Paul Kern | Vorstellungen und Ansichten von Suchtkranken zu Begriffen des täglichen Lebens [Ideas and Opinions of Addicts about Everyday Concepts]

Haddon Klingberg jr. | Logotherapy Then and Whenever: a Personal Reflection [Logotherapie damals und immer: eine persönliche Reminiszenz]

Viktor E. Frankl | Zur geistigen Problematik der Psychotherapie [The Case for the Rehumanisation of Psychotherapy]
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LOGOTHERAPEUTISCHE AUSBILDUNG UND SELBSTERFAHRUNG - EIN GEGENSATZ?
Elisabeth Lukas

Selbsterfahrung in ihrer üblichen Form ist offensichtlich mit einigen logotherapeutischen Grundsätzen nicht vereinbar. Daraus ergeben sich nicht nur interessante theoretische Fragen, sondern auch eminent praktische Probleme, da in vielen Ländern ein gewisses Ausmaß an Selbsterfahrung im Rahmen psychotherapeutischer Ausbildung gesetzlich vorgeschrieben ist. Im folgenden wird gezeigt, wie der Begriff »Selbsterfahrung« durch eine leicht modifizierte Auslegung wieder mit logotherapeutischen Ideen in Einklang gebracht und in die Ausbildung künftiger Logotherapeuten integriert werden kann. Im besonderen wird gezeigt, daß die Betrachtung unserer Ziele (statt unserer Triebe, Bedürfnisse usw.) und die Beachtung der »Wesenszüge« unseres Lebens (statt der Merkmale unserer Persönlichkeit) einen wichtigen Teil solcher Ausbildung ausmachen kann. Dementsprechend sollte die Endphase logotherapeutischer Ausbildung in einer Anleitung zu »gelebter Logotherapie« bestehen. Während Selbsterfahrung in ihrer üblichen Form meist in Gruppensitzungen durchgeführt wird, ist »gelebte Logotherapie« ein Prozeß, der vorwiegend in meditativer Einsamkeit stattfindet; der Gruppe wird dabei nur eine begleitende Rolle eingeräumt. Gegenstand der persönlichen Reflexion sind dabei nicht vergangene Erlebnisse, die angeblich so sehr unsere Persönlichkeit bestimmen, sondern die Möglichkeiten, über derlei Bedingungen hinauszuwachsen. Im Einklang mit den Grundideen von Logotherapie und Existenzanalyse wird mit dieser Art der Selbsterfahrung der Ausbildungskandidat in die Lage versetzt, sein Leben in Freiheit und Verantwortlichkeit selbst zu gestalten.
DER SELBSTMORD: ZWISCHEN EXISTENTIELLEM VAKUUM UND SINNSUCHE
Eugenio Fizzotti

What are the true proportions of the suicide phenomenon? What are the causes? What, above all, can be done to prevent this gesture which, for whatever ist claims, strikes the conscience of every person?

This contribution focuses on the statistical elements of the phenomenon. It moves on, in a second moment, to dwell on an analysis of the causes for suicide from a biological-medical, sociological, and psychological point of view. Using the logotherapeutic perspective of Viktor E. Frankl as a criterion for an existential reading of the suicide issue, it works with a clear distinction between a »self-centred« and a »hetero-centred« attitude, identifying in both a void in orientation toward those values which would allow life to be perceived as a reality that can never be deprived of meaning.

Prevention, understood as education to the meaning of life, takes the shape of a journey - a journey that recognizes to what extent the human person, though conditioned by his/her environment and determined genetically, can maintain that interior freedom of making responsible choices and relishing life in depth, without wasting a moment.
DIE GEISTIGE BEWÄLTIGUNG DER VEREINIGUNGSPROBLEMATIK IN DEUTSCHLAND
Karl Dienelt

Deutschland hat nicht nur ökonomische, sondern auch psychologische Schwierigkeiten (Zitat: Bundeskanzler Kohl). So ist gleich nach der Vereinigung der beiden Teile Deutschlands vor allem im Bereich der Jugendforschung der »Wertewandel« zu einem beherrschenden Thema geworden. Was die Aufdeckung der Hintergründe der allgemeinen psychischen Verunsicherung nach der »Wende« betrifft, verdient zunächst der Versuch Beachtung, den die beiden Psychoanalytiker M.L. Moeller (Frankfurt) und H.-J. Maaz (Halle) unternommen haben. Danach sei eine »psychische Revolution« gefordert, die den »Abbau des Gefühlsstaus« herbeiführt und den individuellen Prozeß der Befriedigung an Grundbedürfnissen ermöglicht. Bei genauerer Analyse der Betrachtungen der beiden Autoren kommt jedoch ein von ihnen unerkannt gebliebenes menschliches Grundbedürfnis zum Vorschein, nämlich ein »Sicherheitsbedürfnis«, das dem Sinnbedürfnis entspricht. So kommen sie auch zu der These über die tiefste Enttäuschung der Menschen in den beiden Teilen Deutschlands: »Auf der einen Seite die Fülle, die terrorisiert und Beziehungen entleert, auf der anderen Seite der Mangel, der zermürbt, bedrückt und die Menschen fehlleitet. Beides sind polare Gegensätze, die in den Wirkungen auf die Seele und die menschlichen Beziehungen aber vergleichbare Effekte haben.« Angesichts solcher Frustration hüben und drüben bedarf es einer »kollektiven Psychotherapie« (Frankl), die den Menschen mit der Frage konfrontiert, was er seiner Selbstverwirklichung schuldig geblieben ist, mit der geradezu politisch einzuschätzenden Frage also nach dem, »was das Leben lebenswert mache und was mein Anteil daran sei.« (H.v.Hentig).
EXISTENZANALYSE DER SINNKRISE IN RUßLAND UND THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ÜBER DEN SINN DES LEBENS
Dmitry Leontiev

We are witnessing the total annihilation, within a few years, of a value system on the scale of a huge population. The psychological consequences of this crisis are still to be described and, if possible, alleviated. The most evident consequences of the prototypical existential vacuum following the disappearance of prefabricated "meanings" seem to be conformism and fanatism - typical symptoms of the collective neurosis that has earlier been described by V. E. Frankl. Experimental data indicate that "everyday meanings" serve quite well in mitigating the immediate consequences of the breakdown of Soviet ideology. In the long run, however, it will be necessary to organize society in a way that makes the individual feel that he/she is in control of his or her own life. The appeal for personal responsibleness is, in this sense, a collective therapy.

(Abstract by the editor)
CRISIS DE IDENTIDAD Y LOGOTERAPIA
Javier Estrada H.
ERZIEHUNG UND SINN. ZUR PÄDAGOGISCHEN ANTHROPOLOGIE BEI VIKTOR FRANKL
Joan-Carles Melich

Bei der Erziehungsphilosophie handelt es sich um das Verstehen der menschlichen Wirklichkeit auf zwei Ebenen: einerseits dem anthropogenetischen Entwicklungsprozeß und andererseits der Beziehungen der Andersartigkeit unter den unterschiedlichen Subjektivitäten. Vom philosophischen Standpunkt aus ist Erziehung immer auch Handeln. Prozeß und Handeln sind zwei Kategorien, die sowohl Struktur und Dynamik der Erziehung (paideia) erklären.
TERRORLANDSCHAFTEN DER SEELE. MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER PSYCHOTHERAPIE BEI VERFOLGTEN
Hans Stoffels

Die Psychotherapie von Verfolgten muß zunächst die Existenz einer unüberbrückbaren Kluft akzeptieren zwischen denen, die am eigenen Leib Verfolgung und Folter erleben mußten und denen, die verschont geblieben sind. Auch ist kritische Distanz zu einer Wissenschaft angezeigt, die das Subjekt eliminiert.

Während amerikanische Untersuchungen von einem spezifischen Überlebenden-Syndrom bei Verfolgten sprechen, charakterisieren israelische Forscher die ehemals während der Zeit des Nationalsozialismus Verfolgten als eine »Risikopopulation«. Gerade das Alter stellt die bisherigen Anpassungsleistungen in Frage und labilisiert den Verfolgten. Es zeigt sich, daß Wirkungen des Terrors nicht nur von Qualität und Quantität des Traumas abhängig sind, sondern auch von dem, was in der vor- und nachtraumatischen Zeit erlebt wurde.

Psychotherapie darf das Terror-Opfer nicht allein und primär in der Perspektive des Opfers sehen. Die Gegenübertragungsreaktionen schwanken zwischen Abwehr, Schuldgefühl, Ängstlichkeit und Überidentifikation. Indem der Überlebende des Terrors die Fähigkeit gewinnt, wieder eine aktive Rolle zu übernehmen und anderen Menschen etwas zu geben, tut er den entscheidenden Schritt auf dem Weg einer Überwindung des Traumas
LOGOTHERAPY: APPLICATION TO NURSING
Patricia L. Starck

Frankls Erkenntnis, daß die menschliche Existenz das Körperliche, das Seelische und das Geistige umfaßt, steht im Einklang mit der Gesamtschau des Menschen in der Krankenpflege. Die vier Stufen - Einschätzen, Planen, Eingreifen, und Bewerten -, die Krankenschwestern anwenden, wenn sie Patienten pflegen, können durch die Anwendung logotherapeutischer Konzepte auf jeder Stufe gefördert werden. Logotherapie (a) hilft in der Einschätzung der geistigen Person; (b) hilft in der Feststellung sinnvoller und brauchbarer Alternativen im Planen; (c) hilft, neue Sinn­möglichkeiten bei einer unabwendbaren Veränderung der Lebensweise zu finden; und (d) unterstreicht die Wahl der eigenen Einstellung in der letzten Stufe der Bewertung. Die Ziele von Krankenpflege und Logotherapie sind einander ähnlich - dem Menschen zu einem erfüllten Leben zu verhelfen und ihn in die Lage zu versetzen, seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen.
VORSTELLUNGEN UND ANSICHTEN VON SUCHTKRANKEN ZU BEGRIFFEN DES TÄGLICHEN LEBENS
Paul Kern

Diese Arbeit zeigt, daß bei Suchtkranken - unabhängig von Geschlecht, Alter, Schulbildung und Konfession - ein echtes Bedürfnis nach der Beschäftigung mit existentiellen Fragen besteht. Ein zusätzliches Therapieangebot - unabhängig von dem jeweils vorhandenen Therapiekonzept - auf der Basis der Logotherapie von Viktor E. Frankl, hat sich dafür über einen längeren Zeitraum als sehr nützlich erwiesen. Gerade bei abstrakten Worten/Begriffen bietet sie Möglichkeiten, sowohl das Interesse zu wecken, als auch das Wissen zu vertiefen. Die Bewertungen anhand von vorgegebenen Erklärungen zeigen, daß Worte wie Schicksal, Freiheit, Liebe usw. nicht nur begriffen, sondern auch im Sinne eines humanen Menschenbildes interpretiert werden. Dies trifft nicht nur auf die zum Gruppenbeginn ausgefüllten Fragebögen, sondern auch auf die mehr als ein Jahr nach Therapieende zurückgesandten Bögen zu.
LOGOTHERAPY THEN AND WHENEVER: A PERSONAL REFLECTION
Haddon Klingberg jr.

Der Autor stellt verschiedene persönliche Überlegungen zur Logotherapie an. Der Anlaß ist eine Reise nach Wien im Jahre 1992 - 30 Jahre nach seinen Wiener Studien bei Viktor Frankl. Seine Reflexionen betreffen die Gründe, aus denen er seinerzeit nach Wien gegangen war, die bemerkenswerten Vorlesungen im Hörsaal der Poliklinik in der Mariannengasse, und die Beziehungen zwischen diesen Vorlesungen und den beiden Themen Psychoanalyse und »human potential movement« . Schließlich werden einige Überlegungen zum Stellenwert der Logotherapie in der akademischen Lehre und in der modernen psychotherapeutischen Kultur angestellt.
ZUR GEISTIGEN PROBLEMATIK DER PSYCHOTHERAPIE
Viktor E. Frankl

Frankl postulates, as a complement to depth psychology, a "height psychology" which takes into account, in addition to the somatic and the psychic dimension, the noetic dimension of the human being, i.e., the dimension of the specifically human phenomena. Special emphasis is placed on man's meaning orientation. By thus widening the area of psychotherapy, the problem emerges how to avoid any imposition of the therapist's hierarchy of values on the patient. This can be done, according to Frankl, by an "existential analysis" that focuses on the essence of existence which is defined as "responsibleness". It then is the patient who has to decide for what and before whom he understands himself as being responsible. By acknowledging his responsibleness, man also responds to the question, What is the meaning of life? In fact, it is ourselves who have to answer this question - rather than to ask it. The methodology of heightening the patient's sense of responsibleness is discussed. In this context, the predominant hypotheses regarding the etiology of neuroses are critically scrutinized. The danger of reductionism in psychotherapy can be circumvented by a "logotherapy" - a concept that Frankl is introducing by way of casuistic material.
 

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