Zwiespalt und Widerspruch überbrücken - Paradoxe Intention
Franz Grundtner
"Prüfstein einer überragenden Intelligenz ist die Fähigkeit, gleichzeitig gegensätzliche Gedanken zu verfolgen und doch funktionsfähig zu bleiben" (F.S. Fitzgerald)
Zusammenfassung
Die Logotherapie bzw. Existenzanalyse nach V.E. Frankl versucht eine Aufhellung des Grenzgebietes zwischen Psychotherapie und Philosophie, unter besonderer Berücksichtigung der Sinn- und Wertproblematik der Psychotherapie.
Ein besonders effektives Verfahren im Methodenarsenal der Logotherapie ist die Paradoxe Intention. Ihre Anwendung ist vor allem bei angst- und zwangsneurotischen Erkrankungen geboten. Um sich von der Angst zu distanzieren, wird Humor mobilisiert: "Seiner Angst ins Gesicht lachen." Durch Selbstironie wird die Neigung zum Angsterleben gelöscht. Bei häufiger Anwendung dieser Methode wird dem Menschen zunehmend eine Wahlfreiheit ermöglicht; er kann zu humoriger Gelassenheit finden.
Paradoxe Intention ist ein Kernpunkt des psychotherapeutischen Dialogs; sie verhilft zu Entlastung und Ruhe, zu Gelassenheit und Mut, zu neuen Aktivitäten. Es ist eine Methode, die eine konsequente therapeutische Ausgestaltung der beiden anthropologischen Grundgegebenheiten menschlicher Existenz ermöglicht: der Fähigkeit zu Selbstdistanzierung und zu Selbsttranszendenz.
Es wäre aber verfehlt, wollte man die Paradoxe Intention auf eine bloße Technik reduzieren. Ganz wesentlich erscheint auch die philosophische Ebene: Der Mensch wird befähigt zu sinnerfülltem Verhalten, zu neuerlichem Werterleben, oder er ist zumindest imstande, sich wieder auf die Suche nach Sinn zu begeben. Paradoxe Intention regt an zu philosophisch inspirierter Lebensführung - zu "tragischem Optimismus" (V. Frankl).
Abstract
Logotherapy and Existential Analysis according to V.E. Frankl provides an elucidation of the border area between psychotherapy and philosophy, with the psychotherapeutic problems inherent in meaning and value being taken into account.
One very effective method within this psychotherapeutic approach ist Paradoxical Intention, which is recommended in cases of anxiety and obsessive-compulsive neuroses. The patient learns to confront his anxiety, to come to grips with it, to experience it as a subjective reality and to perceive it in an ironical manner, in the light of a greater reality. By mobilizing humour, he is enabled to put some distance between himself and anxiety: "Laughing into the face of one's anxiety". The experience of anxiety is counteracted by self-irony. Frequent application of this method helps to give the patient increasing freedom of choice and aids him in developing an attitude of humorous serenity.
Paradoxical Intention is a salient point in the psychotherapeutic dialogue, helping to provide relief, peace of mind, composure and courage to take up new activities. It is a method providing for consistent therapeutic application of those two fundamental, specifically human qualities: the "capacity for self-detachment and for self-transcendence" (Frankl).
But it would be wrong to reduce Paradoxical Intention to the status of a mere technique. There is certainly a technical aspect to it, in that it helps the patient to break out of anxiogenic behaviour patterns or to modify depressogenic thought patterns. What seems of crucial importance to me, however, is the philosophical level: the patient attains a capacity for meaningful behaviour, for renewed experience of values, or is at least capable of setting out again in search of meaning. Paradoxical Intention then provides the initiative for a philosophically inspired lifestyle, for "tragic optimism" (V. Frankl).
1. Einleitung
Tagtäglich nehmen Menschen psychiatrische Hilfe in Anspruch. Der Psychotherapeut ist konfrontiert mit Fragen dieser Menschen über Glück und Leid, Liebe und Erlösung, Angst und Schmerz.
Logotherapie und Existenzanalyse ermöglichen eine phänomenologische Betrachtensweise. Es geht hiebei nicht in erster Linie um Etikettierung von Symptomen, sie ermöglichen vielmehr eine "Entmythologisierung und Rehumanisierung der Psychotherapie" (V. Frankl).
Frankl hatte erkannt, daß die verbale Deutungskunst der Psychoanalyse den Weg in ein selbstverantwortetes Leben hemmen, möglicherweise sogar zur Abwehr notwendiger praktischer Lebensschritte führen kann. Ein zentrales Anliegen ist es für ihn, dem Patienten Anregung zu geben, einen Sinn im Leben zu finden.
Zu dieser Sinnfindung ist aber eine Art von innerem Wachstum notwendig. Sie erst ermöglicht es, daß der Mensch in der Entwicklung durch die Therapie sich selbst immer besser versteht. Viele Schwierigkeiten des Lebens haben ihre Ursache in der menschlichen Natur, in der Neigung der Menschen zu Zorn, zu Angst und in ihrer Unfähigkeit, Emotionen zu bewältigen.
In Logotherapie und Existenzanalyse wird das "Geistige" im Menschen betont, seine Fähigkeit zu "Selbstdistanzierung" und "Selbsttranszendenz". Es wird betont, daß der Mensch mehr ist als seine Stimmungen, seine Triebe, seine Charakteranlagen. Andererseits hilft ihm die Sinnfindung dabei, die Grenzen egozentrischer Existenz zu überschreiten, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, sich zu entfalten, über sich selbst hinauszuwachsen. Erst auf diesem Wege kann er das lebendige Gefühl erfahren "ich selbst zu sein".
Ein Schlüssel zu Existenz, zu "ich selbst sein" ist der Umgang mit Angst. Gerade im Angstproblem liegt ein Knotenpunkt verschiedener Fragen des Mensch-Werdens und Mensch-Seins. Wo Angst nicht bewältigt wird, ist Auseinandersetzung mit der Welt nicht möglich, ist der Mensch in sich selbst gefangen. "Phobische Fehlhaltung ist unfreiwillig gelebter Nihilismus" formuliert Viktor von Weizsäcker.
In "Theorie und Therapie der Neurosen" hält Frankl fest: "Ein Wesen, das zu Freisein und Verantwortlichsein begnadigt ist, ist zum Ängstlichwerden und Schuldigwerden verurteilt".
Aus der Ausweglosigkeit von Angst entsteht "Angst vor der Angst", ein Teufelskreis, der den Angstkranken in sich selbst gefangen hält. Angst, die krank macht, ist demnach mißlungene Auseinandersetzung mit der Angst. Die Folge ist oft ein tiefer innerer Zwiespalt, eine starke Hemmung, sich mit der Welt, mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
Speziell hier gibt Logotherapie und Existenzanalyse in vielen Fällen die Möglichkeit, neue Brücken zu bauen, eine neue Form der Auseinandersetzung zwischen der Person und der Situation zu schaffen. Einen Weg aus dem Circulus viciosus weist Frankl in der "Paradoxen Intention": Der Patient lernt, auf die Angst zuzugehen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie als bloß subjektive Realität zu erleben und angesichts einer größeren Realität zu ironisieren.
Laut Frankl wird der Patient im Rahmen der paradoxen Intention dazu angewiesen, "sich genau das, wovor er sich bis dahin gefürchtet hatte, von nun an - sich geradezu herbeizuwünschen (bei Angstneurosen) bzw. sich vorzunehmen (bei Zwangsneurosen); mit anderen Worten, sozusagen seinen Befürchtungen "den Wind aus den Segeln zu nehmen".
Nachfolgend einige Beispiele, die zeigen, wie mit Paradoxer Intention ein kreativer therapeutischer Prozeß, ein Ausweg angeregt wurde.
2. Ausgewählte Fälle
Schnüffeltic:
Ein 60-jähriger Patient entwickelt nach seiner Pensionierung einen "Schnüffeltic": dauerndes Aufschnupfen, das zuletzt derartig massiv wird, daß das Aufsuchen öffentlicher Orte kaum mehr möglich ist; Besuch von Veranstaltungen, Kirchgang, zunehmend sogar das Einkaufen wird vermieden.
In der Therapiestunde wird ihm vorgeschlagen, Schnupftabak zu kaufen und regelmäßig zu schnupfen. - Das sinnlose Schnüffeln sollte Sinn erhalten.
Tatsächlich führt dies zu einer wesentlichen Symptomreduktion. Allerdings entsteht in den folgenden Jahren wiederholt eine endomorph depressive Symptomatik, die entsprechend psychotherapeutisch und psychopharmakologisch behandelt wird.
Hustentic:
Eine 62-jährige Patientin erkrankt nach dem Tod ihres Gatten an einem Infekt der oberen Luftwege. In der Folge entwickelt sich ein ständiges Husten und Räuspern, das sich in Gegenwart anderer Menschen oft noch steigert, insbesondere dort, wo ein ruhiges und unauffälliges Verhalten erwartet wird (bei Vorträgen, in Warteräumen).
Die Konsultation vieler Ärzte bleibt fruchtlos, bis sie auf einen HNO-Arzt stößt, der ihr den merkwürdigen Rat gibt: "Begrüßen sie morgens ihren Husten". Zum freudigen Erstaunen der Patientin wird sie innerhalb kurzer Zeit nahezu beschwerdefrei.
Essentieller Tremor:
Eine 45-jährige qualifizierte Büroangestellte litt seit Jahren an essentiellem Tremor, den sie gut akzeptieren konnte. Eines Tages erhielt sie jedoch einen neuen Chef, der weit jünger war als sie. Wenige Minuten nach der ersten Begegnung fragte er taktlos: "Warum reißt es sie so? Haben sie etwas mit den Nerven?" Im Bemühen, sich vor diesem Chef zu beherrschen, wurde ihr "Reißen" noch stärker.
In mehreren Therapiegesprächen entdeckte sie jedoch ihre eigene jahrelange Tüchtigkeit, ihre gesicherte Position im Firmenbereich, und beschloß für sich: "Ich bin eine tüchtige Bürokraft. Ich darf Zittern, soviel ich will, und wenn der Chef kommt, dann zittere ich ihm was vor." - Prompt hatte sie damit Erfolg; das Zittern reduzierte sich zu einer - wenn auch lästigen - Nebensache.
Erwartungsangst:
Ein 24-jähriger Handelsreisender unternahm eine Bergwanderung mit seinem Schwager. Dabei wollte der bergerfahrene Schwager den Flachländer beeindrucken und erklärte ihm während einer Rast, weiter oben komme eine Stelle, die schwierig zu begehen sei. Sogar Geübte würden dort von Angst überfallen. Oft gebe es dort prekäre Situationen.
Bei diesen Ausführungen verging dem jungen Bergwanderer die Freude am Bergerlebnis. Er verkrampfte sich innerlich, begann zu schwitzen, und in Gedanken fürchtete er bereits, an dieser berüchtigten Stelle ebenfalls "hängenzubleiben". In dieser Notlage fiel ihm die oben angeführte Chefsekretärin ein, die er während eines Seminars kennengelernt hatte. Er beschloß, ihrem Beispiel zu folgen. In Gedanken sagte er sich, "wenn die Stelle tatsächlich zu schwierig ist, dann zittere ich meinem Schwager etwas vor. Nachdem er mich hierhergeführt hat, muß er auch zusehen, wie er mich wieder hinunterbringt".
Erleichtert stellte er fest, daß danach das würgende Angstgefühl nachließ. Als sie schließlich an die bewußte Stelle kamen, erwies sie sich bei weitem nicht so gefährlich wie befürchtet, und er konnte die Tour wieder genießen. Insgesamt aber wurde dieser Tag wahrlich zu einem "denkwürdigen Erlebnis".
3. Diskussion
Kreativität und Humor bilden - neben jenen Faktoren, die auch bei anderen Methoden der Psychotherapie eine Rolle spielen - die wesentlichen Elemente bei der Anwendung der paradoxen Intention.
Kreativität:
Paradoxe Intention fördert Intuition und Kreativität. Frankl hat darauf hingewiesen, daß Psychotherapie eine "Gleichung mit zwei Unbekannten ist, mit der Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Patienten und Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Arztes". Bisweilen fließen auch Elemente der Suggestion ein. Im richtigen Moment angewandt, übt der Psychotherapeut "Hebammenkunst": Was im Patienten drinnen ist, wird auf die Welt gebracht.
Humor:
Zum Gelingen ist auch ein Zugang zum Humor des Patienten wichtig. Frankl betont den großen Spielraum und den damit verbundenen höheren Freiheitsgrad. Oft bringt das Lachen eine lustvolle affektive Entlastung, eine wesentliche kathartische Reaktion.
Paradoxe Intention ist der Angelpunkt einer Therapie, an dem es gelingen kann, den Patienten neu zu orientieren. Er hat die Chance, sich selber zu finden, Entlastung, Ruhe, Gelassenheit und Mut zu neuen Aktivitäten zu finden.
Es wäre aber verfehlt, wollte man die Paradoxe Intention auf eine bloße Technik reduzieren. Gewiß gibt es hier eine technische Ebene, auf der dem Patienten dazu verholfen wird, daß er aus angsterzeugenden Verhaltensmustern ausbrechen oder depressogene Denkmuster modifizieren kann. Sie ermöglicht es ihm, in einem konstruktiven "inneren Dialog" mit sich selbst zu kommen.
Ganz wesentlich erscheint mir jedoch die philosophische Ebene: Der Mensch wird befähigt zu sinnerfülltem Verhalten, zu neuerlichem Werterleben, oder er ist zumindest imstande, sich wieder auf die Suche nach Sinn zu begeben durch Überwindung von eigenem Zwiespalt, eigenem Widerspruch. Im Annehmen seines eigenen Menschseins wird er authentisch, wächst er zum eigenen Sein heran.
Paradoxe Intention regt an zu philosophisch inspirierter Lebensführung - zu "tragischem Optimismus": "Die Welt ist nicht heil, aber sie ist heilbar" (V. Frankl).
Paradoxe Intention ist Brücke, nicht Selbstzweck, und dient einem höheren Ganzen.
Literatur
V. E. Frankl, Ärztliche Seelsorge
V. E. Frankl, Der Wille zum Sinn
V. E. Frankl, Die Psychotherapie in der Praxis
V. E. Frankl, Theorie und Therapie der Neurosen
E. Franzke, Der Mensch und sein Gestaltungserleben
R. Guardini, Vom Sinn der Schwermut
W. Pöldinger, Diagnose und Therapie der Depression
A. Beck, Kognitive Therapie der Depression
Dr. med. Franz Grundtner ist Facharzt für Neurologie in Neunkirchen, Niederösterreich. (Schöllerstraße 12, A-2620 Neunkirchen).